Mittwoch, 23. Oktober 2013

Börsenbericht - Kandidat 9: Der Headhunter

"WAS?!" brüllt Charlotte entsetzt in den Hörer.
"Das war das ALLERERSTE, das Du zu ihm gesagt hast?!"
"Natürlich nicht", antworte ich pikiert. "Zuallererst habe ich 'Guten Abend!' gesagt".
Und dann erst habe ich

Nr. 9 - Headhunter (50)

gefragt: "Bist Du für dieses Auto nicht ein klein wenig zu alt?"

Treffpunkt war der "Ratskeller" in Headhuntercity, aber ich, da navi-los und mit furchtbarem Orientierungssinn, landete vor der Polizeiwache.
Kaum hatte ich einen Hilferuf an meinen Galan gesmst, röhrte ein Sportwagen der Marke "flacher, breiter, tiefer" heran.
Ich brauchte einige Momente, um zu realisieren, dass kein 25-jähriger Türkenbengel in dieser Prollschleuder saß, sondern mein Date.


Es gibt nun 2 Möglichkeiten auf so einen Spruch zu reagieren:
Entweder man(n) ist angepisst oder man(n) antwortet grinsend:
"Ja, ich weiß, sorry, aber der musste sein, sonst hätte ich meinen 50. Geburtstag psychisch nicht überlebt."
Naja, und da hatte er schon fast gewonnen.
Hilfreich war natürlich auch sein gutes Aussehen (starke Ähnlichkeit mit dem jüngeren Michael Baryshnikov. Und das mir, als Ballettfan! *freu*), der athletische Körperbau und der understatende Klamottenstil.


Weniger hilfreich war seine Angeberei:
"Mein Haus! Mein Pferd! Meine Breitling! Mein Porsche!".
Es gab Dialoge wie:
"Juli, soll ich Dir verraten, wie teuer der Wagen war?!" *hibbel*
Ich: "Nee... Aber Du willst es unbedingt, stimmt's?"
Er: "Ja! Ja! 90.000 Euro!" *freu*
Aber gut, wenn jemand als ehemaliger Hauptschüler es geschafft hat, sich zu einem wohlhabenden Selbständigen mit 10 Angestellten hochzuarbeiten, kann man durchaus darauf stolz sein. 
Aber sein ewiges Gerede darüber, was er mit Fuffzich noch alles kann: viel jünger aussehen, Marathons laufen, Nächte auf Ü30-Partys durchfeiern, etc. zeugten von fetter Midlife-Krise.
Leider erzählte auch er ausführlich über seine Ex (Jungs, lasst das!!) und über seine wenigen sexuellen Erfahrungen (Juhungs, bitteee!!) seit der Trennung.
Trotzdem hatte ich eine sehr angenehme und unterhaltsame Zeit mit diesem Alphamännchen und Gentleman. Weltmännisch, souverän und charmant "führte" er durch den Abend, Typ smarter Geschäftsmann eben.
Das Essen war sehr lecker und wir im Sauerland hatten ja keine Ahnung, dass es leuchtende(!) Cocktails gibt!


Tat sehr gut nach dem Rückfall vom letzten Wochenende mit Kandidat 6, der mich wie ein billiges Groupie fühlen ließ ("Du willst was zu trinken? Dann hol' Dir was, Du weißt ja, wo die Küche ist. Musst aber vorher Gläser spülen, ist keins mehr sauber.", "Du musst jetzt gehen, ich will schlafen." Seine späte Rache für mein 2maliges Abservieren vermutlich.)


Erleichtert war ich auch, dass er sich live lockerer ausdrückte, als in seinen Mails und SMS, die immer wie Geschäftspost klangen.
Manchmal hegte ich den Verdacht, dass er seiner Sekretärin das in Auftrag gab:
"Frau Meier, suchen Sie mir gleich mal die Unterlagen von Projekt XY
'raus. Und sagen Sie dem Fahrer Bescheid, dass ich in 10 Minuten am Flughafen sein muss. Und dann schicken Sie bitte noch Frau Juliane eine SMS mit frivolem Inhalt."


Nach einem Spaziergang durch Headhuntercity kam die Frage, ob ich noch einen Kaffee bei ihm trinken wolle.
Ich so: "Kaffee?! Ich gucke regelmäßig 'Aktenzeichen XY ungelöst' und weiß, dass die Frage nach dem Kaffeetrinken IMMER eine Falle ist!"
Er: "Mist, Du hast mich durchschaut. Ich gestehe: ich wollte Dir eigentlich meine Briefmarkensammlung zeigen."

Also alle Eduard-Zimmermannsche-Vorsicht über Bord geworfen und mit zu ihm.
Schließlich war ich neugierig, wie er wohnt.
Auch die Wohnung war toll: edle Möbel, klare Linien, schöne Teppiche. "Stylish" nennt man das wohl.

Enttäuschend: die Kaffeemaschine. Nix Jura-Automat!
AEG-Filtermaschine!

Gegen 23 Uhr, 2 Gläser Wein (seht ihr, liebe Jungfrauen da draußen an den Bildschirmen! Von wegen "Kaffee"!), 4 Milka-Herzpralinen und 7 Käsewürfel später, sprach Herr Head:
"Ich finde Dich sehr attraktiv und interessant. Du bist so anders als andere Frauen und das reizt mich. Aber zu einer Hochzeit wird's nicht kommen. Das, was ich Dir bieten kann, ist ein one night stand."

Genau meine Rede. So schön, wie ich ihn finde, er berührte mein Herz kein winzigkleines bisschen.
Trotzdem schade.
Ich bin dann gegangen ;-)

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Juliane von Knigge - Ankündigungen machen

Ich bin ein Fan von klaren Worten und straighten Ansagen.
Wenn sie nötig sind.
Leider sind die meisten Ankündigungen völlig unnötig.

Wir kennen solche Situationen alle:

Mann und Frau betreten ein Restaurant / Club / Hallenbad, etc. 
Mann reißt die Türe auf und schubst die mitgebrachte Dame mit der Ansage: "Ladys first!" ins jeweilige Etablissemang.

Oder:

Man sitzt in geselliger Runde irgendwo herum, es wird Alkohol kredenzt.
Man erhebt die Gläser und garantiert ist ein Klugscheißer dabei, der jetzt schreit:
"Beim Anstoßen in die Augen gucken! Sonst gibt es 7 Jahre schlechten Sex! Haha!"
Wobei das meist jemand ruft, mit dem man/frau nicht mal 7 Jahre guten Sex würde haben wollen.

Oder:

Man ist zum Essen eingeladen.
Der Gastgeber serviert, wie es sich gehört, zuerst den Damen, aber nicht ohne kundzutun: "Zuerst die Damen!"

Oder:

Man trifft auf jemanden, den man länger nicht gesehen hat. Der pogt Deinen Begleiter aus dem Weg, ruft: "Zuerst die Dame!" und drückt Dir unaufgefordert rechts-links-rechts 3 Küsschen auf die Wange und kräht: "3 Küsse! So machen's die Franzosen!"
Meist ist aber kein französischer Staatsbürger anwesend und da kommt doch die Frage auf:
"Wen zur Hölle interessiert's, wie's die Franzosen machen?!"
Ich persönlich scheiße auf das unhygienisches Geherze von Menschen, mit denen ich nicht blutsverwandt oder deeply in love bin!

Oder:

"Ich muss mal Pipi machen!" oder "Ich geh pinkeln!"
Meine Güte, wenn ich für jedes Mal, wenn mir ein Mann (Arbeitskollege, Freund, Vetter, Nachbar, Börsenkandidat, etc.) von seinen Pissplänen erzählt, 1 Euro bekommen würde, hätte ich ein nettes Sümmchen beisammen.
Gerade heute noch, während eines Meetings im Audimax, raunte Chef1, der neben mir saß, zu: "Lassen Sie mich mal bitte vorbei, ich muss Pipi!"
Ich ließ mich unvorsichtigerweise zu einem: "Schon wieder??" hinreißen, was ihn ermunterte, mir ausführlich von seiner offenbar suboptimalen Getränkeauswahl in der Mensa zum Mittagessen zu berichten.
Frauen sagen sowas nie, die stehen einfach auf und verlassen den Raum.
Was glauben Männer?
Dass man sie vermissen und Suchtrupps hinterherschicken würde, wenn sie nicht nach 4 Minuten wieder auftauchen?
Oder ist das so ein archaisches "Ich, der Beschützer, muss die Schwachen alleine lassen und melde das vorher an, damit keine Panik ausbricht, sobald ein Mammut auftaucht"-Ding?
Oder eher ein Potenz-Ding:
"Seht her, Mädels! Ich gehe schon wieder pinkeln, denn meine Prostata aka Fortpflanzungsorgane sind noch top in Schuss!"

Hä, Männer, sagt doch mal!
Naja, wir werden es wohl nie erfahren.


And finally der Klassiker:

"Ich komme!"
Ja, dann komm' doch, Herrgottnochmal!
Man merkt's, spürt's und hört's doch!
Da braucht's doch keine Ankündigung.



Was soll das nun alles?
Will und muss betont werden, dass man sich durchaus zu benehmen weiß?
Überflüssig, denn eigentlich sieht man's doch schon, wenn in der richtigen Reihenfolge begrüßt und serviert wurde.

Hier mal eine Situation, in der eine Ankündigung vonnöten gewesen wäre:


Label: Knigge

Dienstag, 8. Oktober 2013

Börsenbericht - Kandidat 8: Der Frisör

Kandidat Nr. 8 – Der Frisör (50):

Optisch eine gelungene Mischung aus einem jüngeren Michel Friedmann und einem verlebteren Karl-Theodor zu Guttenberg (VOR dem Fall).
Für meinen Geschmack ein bisschen zu geschniegelt und gutaussehend für mich; aber gut, schließlich hat ER MICH angeschrieben.
Halber Südamerikaner.
Leidenschaftlicher Tangotänzer und Saunagänger.
Vater eines Zweitklässlers.
(Väter sind mir lieber. Kinderlose Männer haben so einen egozentrischen Touch und meist einen touch too much).

Wir mailten ca. 10 Tage intensiv (5 – 6 Mails pro Tag) herum.
Er sah nicht nur auf den Fotos sehr gentlemanlike und charmant aus, er schrieb auch so.
Außerdem beeindruckte er damit, dass er offensichtlich sämtliche Regeln der deutschen Rechtschreibung beherrschte und sich nicht scheute, diese auch anzuwenden.
Ich spiele damit nicht auf seine (halbe) Nationalität an, sondern darauf, dass 95 % der NeueLiebe.org-Kandidaten das nämlich NICHT drauf haben!

Dann nahte das nächste Wochenende und ich stellte mich innerlich und äußerlich (Damenbart entfernen und so...) auf ein erstes Date ein.


Freitagmorgen hatte er mir eine Mail geschrieben, charming and interesting as always, in der er mich unter anderem fragte, ob ich gerne saunieren täte, denn seine regelmäßigen Saunabesuche (1x pro Woche) seien ihm heilig und diese würde er künftig gerne mit der Frau an seiner Seite absolvieren.

Ich wusste, ich konnte hier nicht mit der Wahrheit herausrücken, nämlich, dass ich nichts abartiger finde, als in einer finsteren Kiste zu hocken, eingekeilt zwischen glitschigen Fremden, während mein Herz rast und mir der Schweiß unaufgefordert am Körper runterrinnt.
Bah, ey!
Also machte ich auf Drama und log, dass ich vor vielen Jahren bei einem Saunabesuch kollabiert sei.
Ich war sicher, dass eine Sauna-Aversion unserer aufkeimenden Liebe keinen Abbruch tun könne, da wir ja bei anderen Themen auf derselben Wellenlänge waren schienen .

Tja, weit gefehlt.
Herr Friedman-Guttenberg antwortete, dass das leider ein k.o.-Kriterium sei, da diese Saunabesuche die Highlights seiner sehr arbeitsintensiven Woche mit extrem knapper Freizeit seien, er darauf keinesfalls verzichten wolle und um seine freie Zeit bestmöglich und effektiv zu nutzen, müsse die Frau an seiner Seite nun mal mit dabei sein.
Unsere Bekanntschaft könne daher nicht über eine Mail-Freundschaft hinausgehen.

Öööh...?!

Na, das nenne ich mal "eindeutige Prioritäten setzen".
Ich hätte die verfickte Liebe seines scheiß Lebens sein können und er serviert mich ab wegen "Sauna is' nich'"?!
Jungs ey, ein paar Abstrichelchen bei der Partnersuche wären nicht schlecht!

Ja, seine Erklärung hinkt milchmädchenrechnungslike, ich weiß.
Warum schreibt der Idiot nicht einfach, dass er nicht wirklich auf mich steht?
Geht doch prima, so anonym per Mail jemanden abzuservieren:
keine lautstarke Szene und kein Chablis, den einem die hysterische Tussi ins verlogene Gesicht schüttet.
Mann, was ärgern mich diese verschwendeten 10 Tage!

Ich antwortete schlicht, dass mir meine eigene, ebenfalls extrem knappe Freizeit für eine nicht-zielgerichtete Mailfreundschaft zu schade sei.

Das Wochenende, an dem ich nun doch nichts vorhatte, bekam dann leider einen Touch ins Depressive.
Zum Glück schien die Sonne. 
Ich loggte mich Samstagabend bei NeueLiebe.org ein.
Der Musiker war ON, ebenso wie Herr Reinlich und Herr Dipling und die ganzen anderen Typen, die ich seit Monaten bei jedem ON-sein ebenfalls sehe.
Immer dieselben.
Immer dieselben und ich.
Wir, die Übriggebliebenen.
Die, die keiner haben will.



Kandidat 1
Kandidat 2
Kandidat 3
Kandidat 4
Kandidat 5
Kandidat 6
Kandidat 7